2011 habe ich 69 Bücher gelesen, und sie haben mir mal mehr, mal weniger gut gefallen, doch bei keinem spürte ich das Bedürfnis, an dieser Stelle ein paar Worte darüber zu verlieren. Doch jetzt mache ich wirklich interessantes Experiment: Ich lese parallel ein Buch aus einer archaischen Männerwelt und eines aus der unergründlichen Welt der Frauen. Mal 20 Seiten da, mal 20 Seiten dort, immer abwechselnd. Das Männerbuch heißt "Sitting Bull, Champion of the Sioux" von Stanley Vestal, und ist ein Porträt des berühmten Häuptlings der Hunkpapas. Veröffentlicht im Jahr 1932, hatte Vestal die Gelegenheit, Teilnehmer der Kriege gegen die Indianer persönlich zu sprechen. Angehörige von Sitting Bull´s Familie gaben ihm sogar ein paar Interviews! Ich kenne alle Bücher von Stanley Vestal; er kann Zeit und Raum des „Wilden Westens“ sehr gut einschätzen. Ihm gelang ein mehrdimensionales Bild einer männlichen Gesellschaft, die natürlich überhaupt nichts mit der Winnetou-Romantik von Karl May gemeinsam hat. In diesem Patriarchat funktionierten die männlichen Ausformungen von Kampf, Spiel und Poesie deshalb so gut, weil die Spielregeln akzeptiert waren. Als die Weißen mit neuen Spielregeln kam, zerstörte er diese Lebensformen.

"Eat, Pray, Love" ist einigen durch den missglückten Spielfilm mit Julia Roberts ein Begriff. Dafür kann die Romanvorlage durch ihre zwar seltsame aber doch zwingende Dramaturgie überzeugen. Außerdem erzählt Elizabeth Gilbert im flotten Schreibstil, der Spaß macht. In ihrer Welt fallen alle Dominosteine nach strikt weiblichen Spielregeln. Durch das Simultanlesen – es ähnelt einem Parallelslalom – stelle ich fest, dass diese Regeln in ihrer archaischen Form kein bisschen anders funktionieren als die männlichen. Verblüffend!

Und was bringt nun Sitting Bull, Elisabeth Gilbert und mich zusammen? Elisabeth und ich waren beide Stipendiaten der Ucross-Foundation in Wyoming. Diese wiederum liegt im Herzen der alten Jagdgebiete der Hunkpapas. Die Tipis der Familie von Sitting Bull standen dort, wo Elisabeth und ich unsere Schreibtische hatten. „Klar, Scherzkeks“, könnte Liz sagen, die autobiografische Heldin von „Eat, Pray, Love“. „Klingt nach Karma.“ Und Sitting Bull? Ein Gedicht von ihm fällt mir ein: „Ye tribes, behold me. The chiefs of old are gone. Myself, I shall take courage.“

Sitting Bull, Champion of the Sioux. Von Stanley Vestal. University of Oklahoma Press, 1937

Eat Pray Love. Von Elizabeth Gilbert. Berliner Taschenbuchverlag, 2007




Fremdland

Ich kenne Leute, die lesen nur Sachbücher. Sie sagen, für Romane haben sie keine Zeit. Diese Leute gehören zu den wirtschaftlich Erfolgreichen. Ihre Eigenheime sind gestriegelt, ihre Familien geduscht, ihre Stunden getaktet. Manchmal befällt sie eine ungewisse Furcht, das Ganze sei ein allzu zerbrechliches Arrangement. Dann halten sie sich das nächste Sachbuch vor die Augen, finden darin fremde Wahrheiten, die ihnen für kurze Zeit das Gefühl vermitteln, dass Sicherheit erlernbar ist. Deutschland ist das Land mit den am meisten verkauften Sachbüchern.

In "Fremdland" von James Meek gibt es keine Sicherheit. Dafür ist sein Buch der Beweis, dass Romane lesen muss, wer verstehen will. Schriftsteller wie er gehören zur Gattung Mensch, die noch in der Tiefe forschen - dort, wo weder Psychoanalytiker noch Wissenschaftler hinkommen, keine Heiligen, Opiumraucher und Sachbuchautoren. Vielleicht hin und wieder Musiker, aber deren Sprache verstehen nur Auserwählte.

Meek ist im Moment der literarische Superstar. Er schreibt für den Guardian, für viele die letzte Bastion ehrlicher Zeitungsarbeit. Das kürt ihn nicht zum Weltversteher. Er war in Afghanistan und im Irak, was auch kein Grund ist, Lesbares aufs Papier zu bringen. In „Fremdland“ gehören auch nicht die afghanischen Szenen zu den Besten, sondern seine Sezierung des britischen Bildungsbürgertums, Kriegsgewinnler auf ihre eigene Art. Da zeigt er die männliche Seite einer Yasmin Reza, eine litarische Performance vom Feinsten. Ganz klar, diese Menschen kennt er so gut wie seine schottischen Landsleute, die Amerikaner dagegen weniger. Die geraten in seinem Buch nach Schablone, was trotzdem bei vielen Lesern auf Verständnis stieß.

Für seinen ersten Roman "Die einsamen Schrecken der Liebe" wurde Meek für den Booker nomminiert, in der englischsprachigen Welt eine höhere Auszeichnung als der Nobelpreis. Das machte ihn in England, Schottland, Asien, Ausstralien, in den USA und Kanada zu einem literarischen Schwergewicht, wie wir uns das zwischen Garmisch und Flensburg gar nicht mehr vorstellen können. Die Zeiten eines Thomas Mann sind halt schon lange her. Während ich als Writer in Residence im schottischen Schloß Hawthornden arbeitete, war James Meek Thema Nummer Eins beim Internationalen Literaturfestival in Edinburgh, obwohl er gar nicht anwesend war. Ich besuchte Hongkong, und James Meek´s Lesung war die Kultursensation des Jahres. Ich flog nach Sydney, und James Meek las auf dem Sydney Literaturfestival vor x-mal ausverkauften Haus. Ich kam nach New York, und James Meek verdrängte einen Tag nach dem Schwarzen Montag die Crashbanker von den Titelseiten. Auf dem Blue Metropolis Literaturfestival in Toronto gab´s nur ein Thema: James Meek. Ich blieb zuhause.

Prominenz zieht auch bei uns, trotzdem brachte kein bundesdeutscher Großverlag "We Are Now Beginning Our Descent", so der Originaltitel von "Fremdland", heraus, sondern Doris Janhnsen vom Literaturverlag Fahrenheit. Ohne solche Verlage wären wir in Deutschland völlig abgehängt von der internationalen literarischen Welt und der Größe ihrer Gedanken. Im Land mit den am meisten vekauften Sachbüchern gibt´s diese nur noch homöopathisch, es sei denn, man liest gleich in der Originalsprache. Vielleicht liegt´s daran, dass wir uns zu sehr damit beschäftigen, keine Zeit zu haben. Ich sehe Deutschland, den nervösen Studenten vor dem Examen, vollgestopft mit fremden Wahrheiten. Wegen des Irrtums erlernter Sicherheit würde es sich für ihn besonders lohnen, „Fremdland“ zu lesen. Weitere Gründe stellen sich dann ein.

James Meek. Fremdland. Fahrenheit-Verlag.




Sushi for Beginners

„Ein Roman“, sagt Albert Zuckerman, „braucht vor allem eines: Sprache.“ Und da denke er nicht nur an Norman Mailer, J.D. Salinger oder Susan Isaacs, sondern auch an Superbestsellerschreiber wie Stephen King. „He has a sublime gift for the cadences and nuances of small-town American idiomatic speech, rendering its gross and subtle tones and rhythms with a uniqueness and an artistry that, to me, rivals Mozart´s or Van Gogh´s.” Das ist nun nicht gerade ein Mickey-Mouse-Vergleich, daher ist´s gut zu wissen, dass Albert Zuckerman auch keine Witzfigur ist. Sondern einer der weltweit erfolgreichsten Literaturagenten, verantwortlich für eine ganze Armada von Megabestsellern, wie zum Beispiel so ziemlich alles, was aus Ken Follet´s Feder fließt. Neben Sprache, so der Meistermacher, braucht es einen Plot, der seiner Definition eines „Big Book“ entspricht. Auch da setzt er die Latte hoch an – keines meiner Bücher würde seinen Anforderungen entsprechen. „Deshalb ist auch keines ein internationaler Erfolg geworden“, würde Albert sagen, und da hört man von mir keinen Widerspruch. Doch jetzt kommt´s: „Sushi for Beginners“ von Marian Keyes hat weder Sprache noch sonstige Big-Book-Eigenschaften, und ist wie alle anderen ihrer Bücher trotzdem zum internationalen Bestseller geworden. Was ist das Geheimnis? Keyes Bücher sind reine Frauenliteratur - ich bin vermutlich der erste Mann, der je eines gelesen hat - und sie haben etwas, das Mr. Zuckerman versäumte zu erwähnen: Eine kuscheligen Wohlfühlfaktor. Ich schrak im Selbstversuch nicht vor den 564 Seiten von „Sushi for Beginners“ zurück, folgte dem Leben von drei Thirty-something-Frauen in Dublin, und gebe hiermit zu Protokoll, dass es nicht einmal langweilig, doof oder peinlich wurde. „The voice of a generation“, schrieb der Mirror über Marian Keyes, und allenfalls das lässt aufhorchen. Denn Deutschland´s Buchläden sind gerammelt voll mit Romanen dieses Genres, und mein Lieblingsbuchdiscounter, der Wittwer am Schloßplatz, hat einen riesigen Krabbeltisch gleich neben die Kassen platziert, voller Bücher für „Frauen und Frauenversteher“. Richtig gelesen: Für „Frauen und Frauenversteher“ steht da drüber. Wer nachfragt, weshalb es so viele Frauenwohlfühlliteratur gibt, kriegt von Verlegern immer die selbe Antwort: „Frauen lesen, Männer gehen zum Stammtisch“. Komischerweise sind Wirte da ganz anderer Meinung, denn ihre Stammtische sind öde und verlassen, und das nicht erst seit dem Rauchverbot. Die Wirte sagen daher, papperlapp, Männer gehen nicht mehr in die Kneipe, sondern ins Puff. Weil sie wissen, von was sie sprechen, schlage ich flugs den dreifachen Salto Mortale zurück zum Wohlfühlbuch. Das ist die Theorie: Männer gehen ins Puff, Frauen brauchen das Wohlfühlbuch für zuhause. Bleibt also nur noch eine Frage offen: Wenn ich jetzt regelmäßig Marian Keyes und ihre zahllosen Schwestern lese, was macht dann meine Herzgeliebte in diesen einsamen Stunden?

Marian Keyes. Sushi for Beginners. Penguin Books, London.



Road to Wellville

„The head of a major studio, speaking on condition of anonymity, said that star power is limited, and often meaningless, unless the film strikes a nerve”, schrieb Bernard Weinraub in der New York Times. Zwei wunderbare weil lächerliche Filme voller Star Power sind “Willkommen in Wellville” und “Siesta”. Nur mal zum Zungeschnalzen: In „Wellville“ spielen Anthony Hopkins, Bridget Fonda, Matthew Broderick und John Cusack unter der Regie von Alan Parker nach einer Geschichte von T.C. Boyle. Das Ergebnis ist eine unsägliche Klamotte, die eine eigentlich tolle Story – das exzentrische Leben des Corn-Flakes-Erfinders John Harvey Kellogg, wie die Augsburger Puppenkiste aussehen lässt. Es geht meistens in die Hose, wenn ein Regisseur sein Drehbuch selber schreibt, und das ist auch bei Sir Alan Parker nicht anders. Trotzdem ist „Wellville“ noch eine Klasse für sich gegen „Siesta“, einem mystisch-erotischen Thriller nach dem Roman von Patrice Chaplin. Die Propagandaabteilung des Verleihers kündigt die nackte Ellen Barkin an, die verführerische Jodie Foster, die schöne Isabella Rossellini, und sexy Grace Jones ist auch mit dabei. Dazu kommen Gabriel Byrne, Martin Sheen und Julian Sands sowie die Musik von Miles Davis – das ist genug Star Power für gleich mehrere Filme. Trotzdem muss ich die Macher wegen vergeudeter Lebenszeit verklagen. Insgesamt 93 Minuten gingen flöten, das wird ganz schön teuer. „Siesta“ ist mit Abstand der schlechteste Film seit die Dinosaurier ausstarben, mit einem Drehbuch, das diesen Namen nicht verdient; mit Dialogen, die jeder Volkshochschulliterat besser schreiben könnte; mit einer Schauspielerführung der Regisseurin Mary Lambert, die Kermit der Frosch unter Garantie besser hinkriegt. Isabella Rossellini und Grace Jones erhielten für ihre Performance den Golden Raspberry Award, also die Goldene Himbeere für die schlechteste Schauspielerleistung. Wenn einem Drehbuch und Regisseur aber so im Regen stehen lassen, kann kein Actor dieser Welt was retten. Denn “star power is limited, and often meaningless.”

The Road to Wellville. USA, 1994. Regie: Alan Parker.
Siesta. USA, 1987. Regie: Mary Lambert.



"Film Grey"

Außer den Genres – Thriller, Action, Suspense – scheinen sie wenig gemeinsam zu haben, die Hollywood-Kassenschlager der jüngsten Zeit, wie „Ein Quantum Trost“, „American Gangster“, „Traffic“ oder „Syriana“. Und doch gibt´s eine Verwandtschaft, zu der sich auch „Burn After Reading“ von den Coen-Brothers gesellt: Ein tiefsitzender Pessimismus, der Abschied nimmt von jeder Form des Happy-Ends. Gab´s früher auch schon, sagen Sie, und Sie haben Recht: Der Film Noir, während der Präsidentschaft von Harry S. Truman zur Blütezeit gekommen, als der Rest der Welt an Amerika´s Paranoia der Kommunistenverfolgungen verzweifelte. Nun haben wir Bush´s Wahnsinn überlebt, und auch sein Wirken schuf eine neue Erzählweise. Ich nenne sie den „Film Grey“. Dessen Charaktereigenschaft ist, das Böse politisch gedeckt dort in der Gesellschaft zu implementierten, wo das große Rad gedreht wird. Durch diese Korruption ganz oben wird der Werteverfall nach unten zum einfachen Mann durchgereicht. Sowohl „American Gangster“ als auch „Traffic“ warten dazu mit einer nahezu identischen Szene auf: Zwei Ermittler stoßen auf einen Haufen Bargeld beziehungsweise eine Menge Drogen. Sie streiten sich darüber, ob sie den Fund gesetzestreu abliefern sollen. Die ehrlichere Haut der beiden setzt sich durch. Doch anstatt eines Dankeschöns werden sie ausgelacht und sogar bestraft. Die Botschaft ist klar: Wenn sich oben jeder nimmt was er will, wie kann der einfache Mann seine Moral aufrechterhalten? Fragen wir doch einfach mal Herr Zumwinkel. „Das sind die Gesetze der globalen Marktwirtschaft“, antwortet der, und weil das so ist, gibt es in der neuen James-Bond-Dramaturgie auch den Superbösen nicht mehr, den Hugo Drax aus „Moonraker“ oder den Brad Whitacker aus „The Living Daylights“. Bond hat es nur noch mit den Stellvertretern zu tun. Zieht er die aus dem Verkehr, exisitiert das Kartell noch immer. In der besten Szene von „Ein Quantum Trost“ schafft Bond es einmal, dieses anonyme Böse sichtbar zu machen. Und siehe da, die Herren, die sich auf der Bregenzer Seebühne bei Tosca ihrem konspirativen Treffen hingeben, sehen aus wie die Ackermanns und Mehdorns dieser Welt. Graue Anzüge eben. Willkommen beim Film Grey.

Ein Quantum Trost. USA, England, 2008. Regie: Marc Forster. Mit Daniel Craig und Mathieu Amalric.

American Gangster. USA 2007. Regie: Ridley Scott. Mit Denzel Washington und Russell Crowe.

Syriana. USA 2005. Regie: Stephen Gaghan, nach dem Buch “See No Evil” von Robert Baer. Mit George Clooney und Matt Damon.



The Professor´s Daughter

Barack Obama ist gewählt, und die Welt jubelt, hoffentlich auch noch in ein paar Jahren. Schließlich haben es Hoffnungsträger immer schwer, und Erlöser werden auch gerne mal ans Kreuz genagelt. Außerdem ist mehr als einer gefragt, um den Scherbenhaufen der amerikanischen Faschisten wegzuräumen. Dana Priest, die 2002 in der Washington Post die CIA-Folterungen in Guantanoma Bay aufdeckte, verlangte dieser Tage einen „Nürnberger Prozess“ für die Bush-Cheney Regierung, was schon mal ein guter Anfang wäre. Ob es aber dazu kommen wird, glaube ich nicht. Allerdings habe ich vor zwei Jahren auch nicht an einen schwarzen Präsidenten geglaubt. Da traf ich mich mit der afro-amerikanischen Schriftstellerin Emily Raboteau in einem Soul-Food-Restaurant in Harlem, und die Stimmung war mies, mieser, am miesesten. Amerika kam mir vor wie Deutschland 1938 gewesen sein musste. Ein paranoider Staat, der seine inneren Probleme nach außen projeziert. Emily, deren Familie aus der Nähe von New Orleans stammte, hatte seit Hurrikan Katrina kein Lebenszeichen ihrer Verwandtschaft mehr erhalten, und noch immer stahl sich die Bush-Regierung aus der Verantwortung. Über die Katrina-Opfer, vor allem Schwarze, kamen wir auf Emily´s Roman „The Professor´s Daughter“ zu sprechen, der ihre Familiengeschichte erzählt, die Geschichte einer afro-amerikanischen Familie auf dem Marsch durch die Instutionen. Ihr Großvater wurde noch von Weißen öffentlich gelyncht, ihr Vater durchbrach den Kreislauf der Armut und avancierte zum ersten schwarzen Dekan einer amerikanischen Eliteuniversität, Emily selbst zählt heute zur „Voice of a new Generation.“ Das klingt prima, klingt nach Obama, aber der Weg ist nicht abgeschlossen. Emily erzählte mir, wie es ihrem Vater selbst noch als Dekan der Princeton-University erging. „Wir wohnten außerhalb vom Campus“, sagte sie. „Paps hatte ein anständiges Auto, wie es sich für einen Dean gehört. Fuhr er morgens zur Arbeit, wurde er von der Polizei gestoppt. Ein Schwarzer in so einem Wagen muss entweder Zuhälter oder Drogendealer sein.“ In einem Essay für die Zeitung „The Guardian“ sprach Emily davon, was mixed cultures auch in diesen umjubelten Obama-Tagen bedeutet. „Schwarz zu sein oder braun zu sein oder irgendetwas dazwischen ist in Amerika noch immer ein Zeichen der Zweitklassigkeit. Es gibt keine Vermischung. Die Leute arbeiten zusammen, zumindest in einigen Branchen. Aber sie leben nicht zusammen.“ Noch eine Aufgabe, die Barack Obama angehen muss. Denn in mixed cultures liegt die wahre Stärke Amerikas. Weshalb das so ist, auch davon erzählt „The Professor´s Daugher“. Eines der besten Bücher, die ich die letzten Jahre gelesen habe, und aktuell wie nie.

Emily Raboteau. The Professor´s Daughter. Picador.



God´s Middle Finger

Was tut man, wenn man einen Lieblingsautor hat, und dieser endlich, nach langer Durststrecke wieder ein Buch veröffentlich, das auch noch gut ist, obgleich es einem nicht vom Hocker reißt? Das ist ein Dilemma. Ich könnte also ein wenig über hohe Erwartungen und tiefe Enttäuschungen philosophieren, aber das überlasse ich den Damen und Herren des hehren literarischen Zirkels. Frau Heidenreich soll ja jetzt viel Zeit haben. Ich erzähle lieber meine Geschichte mit Richard Grant: 2003 war´s gewesen, in Kapstadt, als ich bar jedes Lesestoffs in eine Buchhandlung stolperte, um dort seinen Erstling aus dem Regal zu zupfen. Der hatte einen Titel so lang wie bei anderen ein ganzes Kapitel: „Ghost Riders – Travels with American Nomads: Lost Conquistadors, Mountain Men, Cowboys, Indians, Hoboes, Truckers, and Bullriders“ So etwas muss belohnt werden, und ich kaufte das Buch. Was soll ich sagen? Dessen heutiger Zustand spricht für sich – meine Ausgabe von Ghost Riders ist voller Eselsohren, abgegriffenen Seiten, Kommentare und Bierflecken. Da wird klar: Dieses Buch wurde wirklich gelesen. Und zwar nicht einmal, sondern x-mal. Seit dieser Zeit blieb ich Mr. Grant auf der Spur, der, unter uns gesagt, ein herrliches Exemplar eines exzentrischen English Man abgibt. Was ihn zu einem Nomaden machte mit der wunderbaren Sehnsucht nach den trockenen Gefilden Nordamerikas. Dass es dort einiges zu erzählen gibt, habe ich selbst schon erlebt, und so war ich gespannt, was von ihm als nächstes kommt. Es kam – nichts. Ich machte es mir zur Angewohnheit, einmal im Monat nachzuforschen, ob Richard Grant wieder zur Schreibefeder gegriffen hatte. Wochen gingen ins Land, Monate gingen ins Land, Jahre gingen ins Land, bis zum 17. September 2008. Da betrat ich den Buchdiscounter Barnes & Nobles am Union Place in Manhattan, und wer lachte mir entgegen? God´s Middle Finger. So heißt Richard Grant´s neues Werk, genauer gesagt: “God´s Middle Finger – Into the Lawless Heart of the Sierra Madre.” Der Titel ist Programm. Richard überquerte den Río Bravo del Norte, den die Gringos Rio Grande nennen, weil auf der einen Seite das Leben grande ist, auf der anderen dagegen pequeño. Daher wollen alle rüber, was die amerikanischen Grenzanlagen verhindern sollen, die so aussehen wie die Berliner Mauer. Aber das ist eine andere Geschichte. Richard´s Geschichte dagegen ist seine Durchquerung der Sierra Madre, was vor ihm nicht mehr als eine Handvoll Weißer geschafft haben. Das liegt daran, dass diese Ecke Mexikos ungefähr so gemütlich ist wie die Provinz Helmand im südlichen Afghanistan. Weil wie dort nur ganz Wenige das Sagen haben, und das sind die narcotraficantes. Drogenbosse, die dafür sorgen, dass der große Nachbar im Norden nicht nur arme mexikanische campensinos als billige Arbeitssklaven kriegt, sondern auch das, was die Birne vernebelt: Heroin und Kokain. Eine prima Reise also, ein gutes Thema – was habe ich dann zu mosern? Ganz einfach: Während Ghost Riders ein rotzfreches Buch war, welches Grant gegen alle Regeln des travel writings verfasste, muss er hier unter den bösen Einfluss eines Lektorats geraten sein. Anders ist kaum zu erklären, dass er sein Buch in einen dramaturgischen Rahmen presste, der so nötig ist wie die nächste Pilcher-Verfilmung. Die Frische des Erstlings ist flöten, schade, schade, denn jetzt heißt es wieder Jahre warten, bis ich mit Werk Nummer Drei sehen werde, ob Mr. Grant die Kurve kriegt. Doch wie gesagt: Ich motze hier auf hohem Niveau. Von der Dramaturgie abgesehen ist das Buch empfehlenswert, und es gibt auch was zu lernen: Zum Beispiel, dass die Menschen der Sierra Madre gerne lechuguilla trinken, eine Art Tequila aus purem Alkohol. Kein Wunder, lautet ihr beliebtester Trinkspruch: el hígado no existe – die Leber gibt´s nicht. Grant hat sich dem lechuguilla-Saufen nicht entzogen, was bei anderen Reiseschriftstellern schon genügen würde, um hohe Punktzahlen zu verteilen. Bei ihm liegt die Latte halt höher. So ist das nun mal bei Lieblingsautoren.

Richard Grant. God´s Middle Finger – Into the Lawless Heart fo the Sierra Madre. Free Press.



Travesuras de la niña mala

Klaus Bittermann antwortete in Haffmans´ Literarischem Fragebogen, mit welcher Romanfigur er gerne eine Affäre gehabt hätte, „Julia, aus ´Tante Julia und der Kunstschreiber`“. Kann er haben, der Mann, der sich selbst dilletierender Verleger nennt, doch in seiner Edition Tiamat nur Bücher publiziert, die man alle zuhause im Regal stehen haben sollte - www.edition-tiamat.de - wenn er sich hinten anstellt, also nach mir. Da bin ich großzügig. Zumal Herr Bittermann „Die elftausend Ruten“ von Apollinaire für das erotischste Buch hält, das er je gelesen hat, und „jede beliebige Figur aus den Romanen von Grass und Walser“ als die Widerwärtigste; schon alleine deshalb ist er zu preisen. Doch soll das nicht unser Thema sein. Sondern Tante Julia selbst, die mich in „Raus aus der Provinz!“ zu meiner Tante Hedwig inspirierte, und ihren Schöpfer, den peruanischen Schriftsteller Mario Vargas Llosa. Der hat als 70jähriger ein Buch vorgelegt, „Travesuras de la niña mala“ (als „Das böse Mädchen“ bei Suhrkamp erschienen), welches die Presse zum einen als „obsessive erotische Erzählung“ und zum anderen als „bewegendste Liebesgeschichte der Weltliteratur“ feierte. Schluck! Es ist Vorsicht angesagt, wenn alte Männer erotische Geschichten schreiben, Martin Walser lässt grüßen. Doch anders als sein deutscher Kollege muss Mario Vargas Llosa nicht erst Goethe bemühen, um sinnliche Begebenheiten aufs Papier zu bringen. Llosa erzählt, wie in „La casa verde“ (Das grüne Haus), „La guerra del fin del mundo“ (Der Krieg am Ende der Welt) oder meinem Lieblingsbuch, „La tía Julia y el escribidor“ (Tante Julia und der Kunstschreiber) eine kerzengerade Geschichte, die trotz Romantik, schöner Erotik und viel Gefühl nie kitschig wirkt. Es ist tatsächlich Weltliteratur, und fragt mich einer, wie es Llosa schafft, seine Geschichte so mitreißend galant zu Papier zu bringen, kann meine Antwort nur lauten: Sie haben es halt im Blut, die Südamerikaner. Ob Antonio Skármeta, Pablo Neruda, Gabriel García Márquez, Jorge Luis Borges, Isabel Allende, oder eben Mario Vargas Llosa – diese Romanciers schreiben so, wie wir eine Geschichte erzählt bekommen wollen: Feinfühlig und deftig zugleich, immer spannend, und ohne diesen Oberlehrerton, der unsere deutsche Intelektuellenliteratur beherrscht. Also Leute, es ist Sommer, und im Sommer braucht jeder ein gutes Buch. „Das böse Mädchen“ wartet schon.

Mario Vargas Llosa. Das böse Mädchen. Suhrkamp Verlag Frankfurt.



First Blood

Ich weiß nicht, wie andere das sehen, aber geht mir einmal der Lesestoff aus, schaltet mein Bücher-Such-Sensor auf Supersensibel. Dann greife ich auch zu Romanen, zu denen ich sonst kaum greifen würde. Was durchaus ein Fehler sein kann. So hatte ich am Bücher-Wühltisch auf der Country-Fair zu Berry auf einmal einen One-Dollar-Schmöker zur Hand, der da neben hausgemachter Marmelade und biologisch angebauten Kürbissen ruhte: „First Blood“ von David Morrell. Irgendwo klingelte die Glocke der Erinnerung. First Blood, First Blood, da war doch was, und dann fiel der Groschen. So hieß im Untertitel der Film „Rambo“ mit Sylvester Stallone. Der kam 1982 in die Kinos, vor einem guten Vierteljahrhundert, ganz schlecht steht es also nicht um mein Kurzzeitgedächtnis. „First Blood“ – die Romanvorlage – ist nochmals eine Dekade älter. Morrell schrieb sein Buch drei Jahre vor der Einnahme von Saigon durch nordvietnamesische Truppen, und der anschließenden Kapitulation der USA. Er hat die Zeichen der Zeit frühzeitig erkannt, denn eine Kapitulation ist auch, was die amerikanische Gesellschaft dem heimkehrenden Kriegshelden Rambo zu bieten hat. Polizeichef Teasle (Wortspiel: Weasel heißt Wiesel, to weasel bedeutet schleichen, und von beiden Attributen ist Teasle nicht weit entfernt) lässt in seinem Heimatstädtchen Madison / Kentucky Rambo grundlos verhaften, und bricht aus reinen Egogründen eine Kette von Ereignissen los, die in der Zerstörung des ganzen Ortes endet. Morrell gelingt eine hervorragende Allegorie auf den amerikanischen Makrokosmos mit ähnlich verbrecherischen Aktionen der amerikanischen Präsidenten Lyndon B. Johnson und Richard M. Nixon. Und noch etwas bringt Morrell fertig: „First Blood“ zeigt von Kapitel zu Kapitel wie aus dem Lehrbuch die Eskalation von Konflikten auf: Meinungen prallen aufeinander. / Polarisieren sich, bis es beiden Parteien nicht länger um die Sache geht, sondern den Status. /  Reden hilft nicht weiter, jetzt müssen Taten sprechen. (Strategie der vollendeten Tatsachen). / Beide Parteien bekämpfen sich, Konfliktbeschleunigung durch Ultimatum. / Beide Parteien wählen die Strategie der begrenzten Vernichtungsschläge. Ein eigener kleinerer Schaden wird als Gewinn bewertet. / Ziel ist die Zerstörung der anderen Partei. / Es gibt keinen Weg zurück. Die Vernichtung des Gegners wird zum Preis der Selbstvernichtung in Kauf genommen.
Nixon selbst hatte 1970 mit der Umsetzung seiner „Madman Theory“ den Vietnam-Konflikt auf diese Weise eskalieren lassen. Mit „Madman“ wollte die USA dem Gegner so unkalkulierbar erscheinen, dass selbst ein nuklearer Angriff möglich erschien. Damit sollte Hanoi zum Einlenken bewogen werden. Morrell greift auf Nixon´s Wahnsinns-Idee zurück: Sowohl Rambo als auch Teasle´s Verhalten sind völlig unberechenbar. Auch das Eingreifen einer dritten Partei (Rambos Ausbilder Sam Trautman) kann keine friedliche Lösung durchsetzen.
Daneben thematisiert Morrell die Traumatisierung heimkehrender Soldaten, und die Abscheu der zuhause Gebliebenen vor ihnen: „You tolerate a system that lets others do the killing for you“, sagt Sam Trautman im Midpoint der Geschichte, und fasst damit die moralischen Konflikte zusammen. „And when they come back from the war, you can´t stand the smell of death on them.”
Tatsächlich entwickelten indigene Völker Rituale, wie zurückkehrende Krieger behandelt werden müssen, damit sie sich wieder in das Alltagsleben einordnen können: außerhalb des Dorfes mussten sie wohnen, und dort Rituale vollziehen, um den „Geruch des Todes“ loszuwerden – im übertragenen Sinne die Aggressionen des Krieges, die auch in Rambo stecken. Erst danach durften sie wieder unter den Zivilisten leben. Unsere westliche Gesellschaft hat alle diese Rituale aufgegeben. „First Blood“ zeigt, mit welchen Folgen.

David Morrell. First Blood. Barrie & Jenkins Ltd, London.



The Moral Premise

Als ich vor 15 Jahren Syd Field las, “Screenplay”, “The Screenwriter´s Workbook”, und vor allem, “Four Screenplays: Studies in the American Screenplays”, dachte ich, jetzt kann eigentlich nicht mehr viel kommen, was die Kunst des Geschichtenerzählens entscheidend vertieft. Falsch gedacht, naturellement. Denn da tauchte Lew Hunter auf mit „Screenwriting 434“, und das war ein mächtiger Gong auf die Glocke des Autors, der glaubte, er weiß schon alles. Ich las, schrieb, und dachte, na, jetzt kann aber nicht mehr viel ... und auf einmal gab es Christopher Vogler mit „The Writer´s Journey“. Vogler, der an der University of Southern California die Arbeiten des Mythenforschers Joseph Campbell „A hero with a thousand faces“ mit der Archetypenlehre von Carl Gustav Jung verknüpfte, katapultierte mich mit seinem Buch glattweg in den 7. Himmel. Denn im Grunde meines Herzens freue ich mich wie ein Schneekönig, wenn es weiter geht mit der Geschichtenzauberei, oder besser gesagt tiefer, so wie Morpheus in „The Matrix“ Neo wissen lässt: "You take the blue pill and the story ends. You take the red pill and you stay in Wonderland and I show you how deep the rabbit hole goes." All diese Bücher sind rote Pillen für mich Story-Süchtigen, und der Kaninchenbau ist bei weitem tiefer, als ich dachte. Was auch "The Moral Premise" zu beweisen versteht. Stanley D. Williams untersucht "The statement of truth about the protagonist´s physical and psychological predicament". Daran schließt sich mein Rat an: Wer Geschichten konsumiert, sollte das Buch nicht lesen. Schließlich wollen wir die Tricks der Zauberkünstler nicht kennen, wo bleibt da die Magie? Wer aber Geschichten schreibt, möglicherweise als Profi, dem sei Williams´ Werk ans Herz gelegt. Ich habe eine Zeitlang gebraucht – der Threshold Guardian ließ grüßen - bis ich mich dazu aufrappeln konnte, „The Moral Premise“ von vorne bis hinten durchzuarbeiten. Schließlich dachte ich, eigentlich kann ja nichts mehr kommen. Deshalb gebührt Wolfgang Kirchner besonderen Dank, der das Buch Beate gab, und gebührt Beate Dank, die es mir gab, und natürlich gebührt auch Morpheus Dank, weil er uns alle wissen ließ: "I told you that I can only show you the door. You have to step through it." Na denn: “The Moral Premise” ist die Tür. Durchgehen muss jeder selbst.

Stanley D. Williams. The Moral Premise - Harnessing Virtue & Vice for Box Office Success. Published by Michael Wiese Productions, Studio City, USA.



De Niro´s Game

Der Vorteil eines Writer-in-Residence-Stipendium ist es, dass ich ohne Störung, pausenlos, von morgens bis abends, ohne nur einmal Luft zu holen, an meinem neuen Buch schreiben kann. Der Nachteil eines Writer-in-Residence-Stipendium ist es, dass ich in der zur Residenz gehörenden Bibliothek immer Bücher von vorigen Stipendiaten finde, und die Lektüre sich mitunter sogar lohnt. Wie hier in Bundanon, Australien, wo mich „De Niro´s Game“ von Rawi Hage die letzten zwei Tage vom Schreibtisch fern hielt. Die Geschichte von Bassam und seinem besten Freund George in Beirut zur Zeit des wirren Krieges der frühen 80er Jahre, in welchem christliche Milizen, Israelis und Palästinenser allesamt eine unrühmliche Rolle spielen, ist rasant und mit Stil und Eleganz geschrieben. Etwas, was man nicht häufig findet diese Tage. Kein Wunder, wurde der nach Kanada emigrierte Schriftsteller für den Scotiabank Giller Prize nominiert; einer dieser Literaturpreise der englischsprachigen Welt, nachdem wir germanischen Schreiberlinge uns nur die Finger lecken können. 70.000 nette Dollars, das kann sich sehen lassen. Rawi hat sie nicht gekriegt, was die Kalte Dusche bei „nominiert“ sein kann – doch was ist schon Bimbes, hat man ein großes Werk verfasst. De Niro´s Game verdient dieses Prädikat. Davon abgesehen, dass Romane aus diesem Teil der Welt häufiger den Weg in unsere Bücherregale finden sollten – wer gerne einen Autor lesen möchte, der eine eigene Stimme hat, wird bei Hage fündig.

Rawi Hage. De Niros´s Game. House of Anansi Press.




History´s Fiction – Stories from the City of Hong Kong

Weil ich mich kürzlich verliebt habe, und zwar in die Stadt Hongkong, las ich „History´s Fiction – Stories from the City of Hong Kong“ von Xu Xi. Eine Sammlung von Short Stories, die von der heutigen Zeit bis zurück in die 60er Jahre reichen, erzählt in rückwärtiger Reihenfolge. Xu Xi weiß, von was sie schreibt: Ihr Vater ist Chinese, ihre Mutter stammt aus Indonesien, sie ist geboren in Hongkong, und führt seit vielen Jahren ein modernes Nomadenleben mit Lebensschwerpunkten in New York, Hongkong und Neuseeland. The New York Times nannte sie „A pioneer writer from Asia in English“, denn das ist ein weiteres Merkmal: Zwar spricht Xu Xi Mandarin und Kantonesisch, aber sie schreibt in Englisch. All das reflektiert die Entwurzelung, den Kulturmix und die Energie, welche sich in Hongkong mit seinen 6,5 Millionen Einwohnern widerspiegelt. Ich traf Xu Xi vor einigen Jahren in der ehemaligen Sommervilla des Verlegers Heinrich Maria Ledig-Rowohlt am Genfer See. Dort erzählte sie mir, dass sie an einem Werk arbeite mit dem Titel „Heunggong yahn dik duen liksi“, aber Probleme mit dem englischen Titel habe. Denn wörtlich übersetzt hieße das „Hong Kong people´s short history“, was nicht den Punkt träfe. Nun ist das Problem gelöst, das Buch erschienen, und meine Empfehlung lautet: Lesen, Ticket kaufen, nach Hong Kong fliegen.

Xu Xi. History´s Fiction – Stories from the City of Hong Kong.
Chameleon Press Hong Kong.


China Road


Zur Zeit wird ja viel über China und Tibet geschrieben und gesagt. Leider finde ich nichts Schlaues darunter. Man versteht´s ja, dass die Mehrzahl der Medienmenschen von anderen Medienmenschen abschreibt. Wozu gibt´s Wikipedia? Da werden dann 12 Millionen Menschen flug auf die Person des Dalai Lama reduziert, und das ist so, als ob wir alle Angelika Merkel wären. Man müsste halt hinfahren, aber China ist weit weg und Tibet noch weiter. Zum Glück gibt´s Bücher, und Menschen, die sich mit Minimaljournalismus nicht begnügen. Rob Gifford war 20 Jahre NPR-Korrespondent in China. Von ihm stammt das aktuell beste Buch auf dem Markt: „China Road – A Journey into the Future of a Rising Power.“ Weil ich den Unterschied zwischen shengcun, Überleben, und shenghuo, Leben, in China und Tibet selbst erlebt habe, kann ich nur empfehlen: Wer wirklich Antworten darauf will, weshalb es China und Tibet so schwer miteinander haben, sollte dieses Buch lesen.

Rob Gifford. China Road – A Journey into the Future of a Rising Power. Random House New York.



Slumming

Manche Leute sprechen respektlos von Außenseiterfilmen, wenn sie das meinen, was europäische Filmproduzenten gerne Art-House nennen. Art-House klingt natürlich besser, wie auch Boudin viel gehobener daher kommt als Blunzen, und doch ist beides nichts weiter als Blutwurst. Und mit Blunzen sind wir auch schon beim Thema, fiel mir doch neulich ein österreichischer Film in die Hände, küss die Hand, gnä´ Frau, der irgendwo zwischen Boudin und Blunzen dahin mäanderte. „Slumming“ heisst der Film, denn ich mir deshalb auslieh, weil ich heuer beim Literaturfestival auf Schloss Wartholz Paulus Manker traf. Der ist in Österreich als Regisseur und Schauspieler eine burgtheatergestählte Institution, und gehörte bei Peter Zadek lange zum Stammensemble. In „Slumming“ gibt er den Straßenpoeten Kallmann in einer Melange aus John Belushi und Jack Nicholson. Nur lässt ihm weder die Geschichte noch die Regie von Michael Glawogger dabei mehr Freiheiten, als ein paar Straßenpassanten zu erschrecken, während er versucht, die Verse des Verlieres an Mann und Frau zu bringen. Da hilft dem Dichter nur der Trost der Flasche, und als er wieder mal besoffen auf einer Bank am Wiener Bahnhof daniedersinkt, wird er kurzerhand von zwei Yuppies nach Tschechien entführt. Dort verfrachten sie ihn auf eine Bank vor dem Bahnhof von Znojmo und fahren wieder nach Hause. Eigentlich eine tolle Idee, denn jetzt könnte eine dieser Geschichte loslegen, die mit Identitätsverlust und Kulturschock genau die Art von Potential hat, aus denen Hollywood veritable Box-Office-Erfolge zaubert. Dann würde diese Episode in den ersten zehn Minuten des Films abgekaspert werden. Da wir es aber mir Art-House zu tun haben, braucht es eine geschlagene dreiviertel Stunde, bis der gute Kallmann endlich in Znojmo wieder zu sich kommt. Viel Erzählzeit bleibt da nicht mehr, und die wird damit vertan, dass er ein bisschen im Wald herum tappst, während einer der Yuppies sich bei seiner neuen Flamme verplappert, worauf die wie eine österreichische Jungfrau von Orlèans zur Rettungstat schreitet, die ihr nicht gelingen will. Derweil verschwindet Yuppie 1 nach Indien. Yuppie 2 ist schon lange irgendwie aus der Geschichte gerutscht, die nun langsam ausfadet. Und damit wieder ans Thema Außenseiterfilm anknüpft. Wie kann´s passieren, dass jemand eine so gute Idee derart verhunzt? An der Drehbuchautorin Barbara Albert allein wird´s nicht liegen. Die hat schließlich mit „Nordrand“ einen der besten österreichischen Filme der letzten 300 Jahr hingekriegt. Wüsste ich die Antwort, schwänge ich mich dazu auf, das dahinsiechende europäische Kino zu retten. Aber ich weiß sie nicht. Würde mir nur nicht ständig dieser kleine gemeine Satz durch den Kopf geistern, der da lautet: „Viele Köche verderben den Brei.“ Aus purem Geldmangel schwingen beim europäischen Art-House-Film zu viele Leute den Kochlöffel. Da jeder ein paar Cent dazu gibt, will auch jeder mitschwätzen. Bei Slumming waren´s immerhin vier Produktionshäuser, Lotus Film, Coop 99, Abraxas und Dschoint Ventschr. Vielleicht habe ich ja Unrecht, vielleicht wollte man nur keinen erfolgreichen Film machen à la Hollywood sondern Kunscht. Boudin halt, statt Blunzen.
Das es auch anders geht, zeigt der dänische Film „Adams Äpfel.“ Da resozialisiert Pfarrer Ivan ehemalige Straftäter wie Kleptomane Holger, Vergewaltiger Gunnar, Tankstellenräuber Khalid und Neonazi Adam mit so eifriger anarchischer Lust, dass bestimmt kein Hollywood-Schinken draus werden konnte. Dafür bestes europäisches Kino, meinetwegen auch Art-House, bei dem die Kasse trotzdem klingelte. Mit Mie Andreasen gab´s nur einen Produzenten. Sollte uns das doch zu denken geben?
Übrigens braucht man sich nicht in fremde Länder zu begeben, um erfolgreiches Art-House-Kino zu sehen. „Die Blume der Hausfrau“ der Ludwigsburger Filmproduktion Gambit startete Anno 1998 mit ganzen zwei Filmkopien ihren Siegeszug durch Deutschland. Ein geschlagenes Jahr lang füllte der Film jeden Abend das Stuttgarter Delphi Kino bis auf den letzten Platz, was zuvor nur den „Blues Brothers“ in den legendären Museum-Lichtspielen zu München gelungen war.  

Slumming. Österreich 2006. Regie: Michael Glawogger. Mit Paulus Manker, August Diehl, Michael Ostrowski, Pia Hierzegger, Maria Bill.

Adams Äpfel. Dänemark 2005. Regie: Anders Thomas Jensen. Mit Ulrich Thomsen, Mads Mikkelsen, Paprika Stehen, Ole Thestrup, Ali Kazim, Nicolas Bro, Nikolaj Lie Kaas.

Die Blume der Hausfrau. Deutschland 1998. Regie: Dominik Wessely. Mit Staubsaugervertretern einer Firma, deren Name uns allen ein Begriff ist.



Mick, Madonna, Kung-Fu Kid & ich

Zurück von den 58. Internationalen Filmfestspielen Berlin, und was haben wir nicht alles erlebt. Mit Mick gebechert, mit Madonna die Nase gepudert, und unter fünfzehntausend Filmen ausgerechnet Kung-Fu Kid ausgesucht. Der lief in der Sektion Generation – die heißt wirklich so – wo es den Gläsernen Bären zu gewinnen gibt. Dieser Preis wird von einer Kinderjury vergeben, und könnte daher auch der Unbestechliche Bär heißen. Kung-Fu Kid war nicht der Sieger, obwohl, das kann ich bezeugen, 800 Kinder während der Vorstellung ganz aus dem Häuschen waren. Im Pressetext zum Film steht, „zur Vervollkommnung seiner Kampfkünste reist ein achtjähriger Shaolin-Mönch ins Land der Samurais“, aber das stimmt so nicht. Der reist nicht, sondern wird von seinem Meister per Arschkick dahin befördert, und das nur, weil der Kurze bereits die 35 Kammern der Shaolin durchlaufen hat, aber das Riesenmonster, welches vor Urzeiten in einem Topf eingeschlossen worden war, noch immer … ach, Schwamm drüber. Ein Mini-Shaolin-Mönch erlebt in Sonyland dolle Abenteuer, gibt den Bösen eins auf die Glocke und sieht dabei so putzig aus, das japanische Mädels ihn ständig knuddeln müssen, wobei sie Sachen sagen wie „Yong-tschong“ und „Hai-man“, was die Live-Einsprecherin im Kino beides mal mit „er ist ja so süüüüüß“ übersetzte. Süüüüüß isser ohne Zweifel, und alle hatten ihren Spaß, wir und die anderen Kinder. Schön, mal wieder Neun zu sein, und nach all der berlinialischen Kino-Tristesse was Lustiges sehen zu dürfen. Schade, dass es nicht zum Preis gereicht hat. Sollte aber Kung-Fu Kid demnächst im kleinen Kino in ihrer Straße laufen, schnappen Sie sich den Nachwuchs, fälschen Sie Ihren abgelaufenen Schülerausweis, und nix wie rein.

Kung-Fu Kid. Spielfilm von Issei Oda. Mit Zhang Zhuang, Pinko Izumi, Nanami Fujimoto u.v.a. 2007. 98 Minuten.

 

Von Rocky bis Rocky Balboa
Sechs Filme von und mit Sylvester Stallone


Wem das Glück so hold war, die DVD-Kollektion der Rocky-Saga unterm Weihnachtsbaum zu finden – bei mir war das der Fall, denn ich habe sie selbst drunter gelegt - muss noch rund 10 Stunden seines Lebens investieren, um über selbiges die eine oder andere Wahrheit zu erfahren. Das Wenigste spielt sich dabei im Ring ab. Doch fragt man 99 Kinogänger, die Rocky noch in den 70ern und 80ern im Kino sahen, um was es eigentlich geht, kriegt man 100mal zur Antwort: „Na, ums Boxen.“ So funktioniert unser Gehirn, nämlich schlecht. In Wahrheit wird recht wenig geboxt, der Dramaturgie der Serie folgend als Aufgalopp des Films und dann fast ausschließlich in der letzten Hälfte vom 3. Akt. Dazwischen – mit Ausnahme von Rocky 4, und darüber wird zu reden sein – bleibt Sylvester Stallone als Drehbuchautor, Hauptdarsteller und Regisseur von vier Folgen so nahe an seinen Figuren, dass jeder Drehbuchdozent vor Freude jubeln möchte. Dadurch wird die Entwicklung eines Lebens aufgezeigt, das breites Identifikationspotential bietet, was den weltweiten Erfolg der Saga garantierte. Selbst den Zuschauern, denen Hallenhalma näher steht als Männerfaustkampf, wird einiges geboten: Eine einfühlsame Liebesgeschichte, die Entfremdung und Wiederannäherung an die Familie, wie einem Reichtum verändert, was die eigenen Wurzeln bedeuten und was Treue zu Idealen bewirken kann, und vor allem die archaischste aller Fragen: Wer bin ich? Allein Rocky 4 schert aus dieser Erzähltradition aus. Der Ausflug in die Sowjetunion ist ein rechter Schmonzes, und durch die Anlehnung an die Rambo-Dramaturgie, dass am amerikanischen Wesen die Welt genesen soll, verliert der Film seine Glaubhaftigkeit. Um so überzeugender reüssiert der letzte Teil der Rocky-Saga. In „Rocky Balboa“ gelingt es Stallone, seine Geschichte bis zum letzten Gong erfolgreich über die Runden zu bringen. Fazit: Über eine Zeitspanne von 30 Jahren – Rocky kam 1976 in die Kinos, Rocky Balboa 2006 – verliert der Autor Sylvester Stallone nicht den Überblick über Story und Figuren, überzeugt der Schauspieler Sylvester Stallone mit einer bravourösen Leistung, und, da ziehe ich meinen Hut, kann der Regisseur Sylvester Stallone mit Schauwerten aufwarten, die man im Kino nicht mehr all zu häufig zu sehen bekommt. Schade, dass auch der beste Kampf einmal zu Ende geht.

„Rocky – The Complete Saga“. Sechs Kinofilme von Sylvester Stallone. Mit Sylvester Stallone, Burt Young, Burgess Meredith, Talia Shire, Carl Weathers, Richard Gant, Tommy Morrison, Sage Stallone, Hulk Hogan, Dolph Lundgren, Brigitte Nielsen, Antonio Tarver, Geraldine Hughes, Milo Ventmiglia, Tony Burton, A.J. Benza, James Francis Kelly III, uva. Regie: John G. Avildsen (Rocky 1 und 5), Sylvester Stallone (Rocky 2, 3, 4, 6), Producer: Irwin Winkler und Robert Chartoff. Sechs DVDs in der Sammler-Box.




Die gerettete Zunge
Die Geschichte einer Jugend von Elias Canetti


„Meine früheste Erinnerung ist in Rot getaucht.“ Ein Buch, das so beginnt, muss einfach ein gutes Buch werden. Elias Canettis „Die gerettete Zunge – Geschichte einer Jugend“ beginnt so, und wird ein gutes Buch. Nachdem das mal gesagt ist, brauchen Sie eigentlich nicht weiterzulesen, aber schaden wird´s auch nicht. Denn ich habe ein paar hübsche Szenen rausgepickt, die Art und Besonderheit von Canettis Kinder- und Jugenderinnerungen aus den Jahren 1905 bis 1921 gut beleuchten. Canettis Ahnen waren Spaniolen. Gläubige Juden, die von Spanien in die Türkei vertrieben worden waren, und sich am Ende in Bulgarien ansiedelten. Und zwar in Rustschuk, einem alten Donauhafen. Auf der anderen Seite des Flusses liegt Rumänien, und damals – in der guten alten Zeit vor der großen Erderwärmung – fror die Donau in strengen Wintern zu und man konnte ins andere Land hinüberfahren, falls man nicht daran gehindert wurde, „von hungrigen Wölfen, die hinter den Pferden der Schlitten her waren.“ Wölfe sind zwar nicht das Thema des Buches, aber ähnlich der archaischen Form des Wolfsrudel ist auch die Canetti-Familie organisiert. Die Alpha-Tiere sind die Großväter Canetti und Arditti, doch im Laufe der Geschichte nimmt immer mehr Elias Mutter die dominierende Rolle ein. Wie Canetti seine Beziehung zu ihr in eleganter Sprache seziert ist ein Genuß. „Alle Veränderungen ihres Gesichtes waren mir vertraut und ich wußte, wann sie träumte.“ Im Bann dieser Mutter reift der Literatur-Nobelpreisträger von 1981 heran, und was immer er sieht, hört, lernt oder liest muss vor ihrem strengen Verdikt bestehen. Vor allem dem Lesen gilt seine Liebe – und seine größte Befürchtung: „Denn wenn ich damals etwas wie Sorge um die Zukunft überhaupt kannte, so galt sie ausschließlich dem Bücherbestand der Welt. Was geschah, wenn ich alles gelesen hätte?“ Ich erinnere mich, viele Jahre vom selben Gedanken beunruhigt gewesen zu sein, und Beate ging´s nicht anders. „Die gerettete Zunge“ war in der Zeit zwischen dem 14. und dem 27. Dezember 2007 unsere abendliche Vorlese-Lektüre auf La Palma. Das läuft so ab: Beate liest, ich fläze im Sessel und trinke Chinchón, und wenn eine Stelle kommt, die mir besonders gut gefällt, rufe ich: „Nochmals bitte!“ Das war der Fall, als der umstrittene Theaterautor und Schauspieler Wedekind in Zürich für Furore sorgte, wo nach dem frühen Tod von Elias Vater die Mutter mit ihm und den beiden jüngeren Brüdern vorübergehend ansiedelte. „Wedekind kam manchmal nach Zürich und trat im Schauspielhaus auf, in „Erdgeist“. Er war heftig umstritten, es bildeten sich Parteien für oder gegen ihn, die gegen ihn war größer, die für ihn interessanter.“ Das geht runter wie Öl. „Nochmals bitte!“, rief ich auch, als die Wissenschaft zum Zankapfel zwischen Mutter und Sohn wurde: „´Wissenschaftlich` wurde damals für mich zu einem Zauberwort. Es bedeutete nicht wie später, daß man sich beschränken musste, daß man ein Recht auf etwas erwarb, indem man auf alles Übrige verzichtete, sonder es war im Gegenteil Erweiterung, Befreiung von Grenzen und Beschränkungen.“ „Nochmals bitte“ wiederum, als sich Canetti zum Thema „Wissen“ äußert: „Denn ich glaube, zum Wissen gehört, daß es sich zeigen will und sich mit einer bloßen verborgenen Existenz nicht begnügt. Gefährlich scheint mir das stumme Wissen, denn es wird immer stummer und schließlich geheim und muß sich dann dafür, daß es geheim ist, rächen. Das Wissen, das in Erscheinung tritt, indem es sich anderen mitteilt, ist das gute Wissen, wohl sucht es Beachtung aber es wendet sich gegen niemanden.“ Weil ich selbst ein lausigerer Schüler war als Herr Canetti, habe ich auch die Abschnitte über Schule und Lehrer genossen. Mit etwas Neid, weil ich selbst gerne meine Pauker und Zuchtmeister so überaus charaktervoll beschreiben können möchte. Können möchte, da sieht man, arg weit habe ich´s nicht gebracht. Aber egal, hier Herr Canetti: „Manchen galt der Lehrer Friedrich Witz als schlechter Lehrer, weil er sich Mühe gab, keine Distanz zu wahren, und äußerliche Autorität nicht als Ewigkeitswert betrachtete. Es herrschte, verglichen mit jedem anderen Unterricht, eine Art von absichtlicher Unordnung in der Klasse. In seiner Gegenwart lebte man immer mitten in einem Kraftfeld von Affekten. Vielleicht war, was mir Atem und Flügel gab, für andere eine Art von Chaos.“ Schön, nicht? Und zum Abschluss zwei wunderbare Sätze, die einem sofort träumen lassen: „An einem Sommerabend erschien ein beleuchtetes Schiff, es bewegte sich so langsam, daß ich dachte, es stehe still. Seine Lautlosigkeit breitete sich aus als Erwartung.“
Doch nicht nur der Connaisseur wohlformulierter Sätze kommt auf seine Kosten. Elias Canetti beschäftigt sich intensiv mit dem Thema „Wahrheit“, und in unserer Zeit des Information-Super-GAUs kann man das selbst nicht häufig genug tun. Was bei Canetti im Disput zwischen Mutter und ihm endet, ob die Welt aus Büchern gelernt werden kann, verlagert sich bei uns auf die Frage, ob Second World mittlerweile eine greifbarere Version unseres Daseins ist. Manipuliert von den „Third Party-Strategies“ der PR-Industrie, in denen uns nicht mehr Unternehmen direkt mit Information mästen, sondern via unverdächtig wirkender Dritter, bevorzugt NGOs, wissen wir heute nicht mehr, wahre Wahrheiten von den falschen zu unterscheiden.
Dass wir Canetti als Vorlese-Buch einschoben, verdanken wir im übrigen dem Schauspieler Jo Jung. Im November waren Beate und ich im Stuttgarter Laboratorium. Das ist immer wieder eine kleine Zeitreise, nicht nur wegen den Postern von „Anyone´s Daughter“ und „Bernie´s Autobahn-Band“ an den Wänden. Jo las aus „Die gerettete Zunge“, und danach war klar: Zwischen Heinrich Hansjakob „Abendläuten“ (dem Vorgänger-Vorlese-Buch) und Joanne K. Rowling „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“ (dem Nachfolger) schoben wir Elias Canetti, den wir, Zufall oder Schicksal, wenige Tage nach der Lesung in Marianne Eigenheer´s großartiger Bibliothek in Vitrey sur Saône fanden. Ein lohnender Einschub. Auch wenn man nicht vorgelesen bekommt.
Elias Canetti. „Die gerettete Zunge – Geschiche einer Jugend“. Erschienen 1977 im Carl Hanser Verlag. 375 Seiten.




Reiseschriftsteller im Ländle

Ich habe da so eine Theorie, und sollte sie stimmen, muss auch ich verstummen. Sie lautet: Reiseschriftsteller sollen reisen. Sie sollen schreiben. Aber sie sollen um Himmels Willen auf gar keinen Fall niemals in irgendeiner Stadt auf irgendeiner Veranstaltung den Mund aufmachen. Um zu reden. Über das Reisen, über das Schreiben, über sich. Warum? Das Zauberwort heisst "Entmystifizierung". Das ist wie beim Film zum Roman. Da marschiert man auch aus dem Kino und ist entsetzlich entäuscht. Hat man sich doch alles ganz anders vorgestellt! Genauso ist´s beim Reiseschriftsteller-Vortrag. Denn diesen Teufelskerl, oder, selten, aber es gibt sie, diese Teufelsfrau, also den oder die hat man sich doch auch ... Klar, was ich meine? Klar, was ich meine. Mir ging´s jetzt gleich zweimal so, und das war eindeutig zweimal zuviel. Zuerst bei Andrzej Stasiuk im Literaturhaus Stuttgart, dann bei Ilija Trojanow während seiner Poetik-Dozentur im schönen Tübingen. Herr Stasiuk gab kund, dass er stets mit seiner Frau verreist, weil sie diese Sprachen kann, die er nicht beherrscht, und so wird´s Reisen einfacher. Da war sie hin, die Mär vom einsamen Wolf, der von Badgad nach Stambul durchs wilde Kurdistan mäandert wie kein Zweiter. Bei Herr Trojanow schlief ich einfach ein. Mit dem seeligen Gedanken, wie sich dieser in feinstem Zwirn gekleidete Herr wohl in einem 3. Klasse-Nachtzug von Kalkutta nach, sagen wir, Puri im Ganges-Delta, macht? Zugegeben, er fühlte sich selbst nicht wohl da oben auf der Bühne, das war deutlich zu spüren. Poetik-Dozentur, da muss man sich schließlich mächtig intellektuell geben, sonst gibt´s was auf die Mütze. Doch weil grau alle Theorie ist - Fußnote 1: "Alle Theorie ist grau, und nur der Wald und die Erfahrung sind grün." Friedrich Wilhelm Leopold Pfeil, Kritische Blätter, Band 22, Heft 1, S. 1, 1846. Fußnote 2: "Das ist nun wirklich keine Leistung, wenn man Wikiquote hat" - weise ich schon mal auf meine kommenden Lesungen hin, "Die Wüstenapotheke - eine Reise ins Herz der Kalahari". Ganz nach dem Motto, was für andere gilt, muss ja nicht für mich gelten. Also: Man sieht sich.
Andrzej Stasiuk, "Unterwegs nach Babadag", Suhrkamp
Ilija Trojanow, "Nomade auf vier Kontinenten", Eichborn




Je vous trouve très beau (Sie sind ein schöner Mann)
Ein Film von Isabelle Mergault


„Bauer sucht ´ne Frau mit Güte. Was anderes kommt nicht in die Tüte.“ Dieser Spruch prangte heute morgen auf meiner Bäckerstüte und ist so schlecht, dass es nur von RTL sein kann. Damit wirbt der Sender für seine Serie „Bauer sucht Frau“. Eine Geschichte, die outre Rhin schon 2006 im Kino erzählt wurde. Der Film „Je vous trouve très beau“ (Sie sind ein schöner Mann) von Isabelle Mergault lockte in Fronkreisch 4 Millionen Zuschauer ins Kino. Hübscher Reibach für einen einfachen Film. Denn die Geschichte vom Bauer, der seine Frau verliert, daher eine Neue braucht, die ihm putzt und kocht und wäscht und bügelt, wozu auch bei unseren Nachbarn kein weibliches Wesen mehr Lust hat, ist rasch erzählt. Unser Held reist nach Rumänien, wo es noch Putz-koch-wasch-und-bügel-Frauen zuhauf gibt. Klar, dass er dort eine findet mit dem Herz am richtigen Fleck. Klar, dass sie sich nach einigem Hin- und Her auch kriegen. Klar, dass er sich ein wenig ändern muss und sie sich ein wenig ändern muss, und dann wird das was mit der gemeinsamen Zukunft. Warum nur sollte man sich so einen Film ansehen? Ganz einfach: weil er französisch, das heißt, mit leichter Hand, inszeniert ist. Ich werde häufig gefragt, warum die Franzosen das können und wir nicht. „Je vous trouve très beau“ gibt ein paar gute Antworten. Da ist zum Beispiel die Sache mit dem Subplot. In dem wird die Verwandschaft des Bauern erzählt. Die ist recht skurill, natürlich zerstritten, das kennt man auch aus deutschen Filmen. Als der Bruder/Schwager/Onkel (wird nie ganz klar) rausfindet, dass unser Held in Rumänien auf Frauensuche war, anstatt in Deutschland auf der Landwirtschaftmesse, bricht der Subplot einfach ab. Ratzfatz. In einem deutschen Film dagegen hätte man ihn breitgetreten bis auch der letzte Eumel vor der Glotze resigniert zur Fernbedienung greift. Ich hab das RedakteurInnen-Genörgel im Ohr: Jeder, wirklich jeder Erzählstrang muss bis zum Erbrechen fortgeführt werden, denn so hat man das im Drehbuch-Seminar gelernt. Muss er eben nicht. Mit dieser laissez-faire Einstellung kommt „Je vous trouve très beau“ gut über die Runden. Auch schön: Michel Blanc spielt die Rolle des Bauern Aymé Pigrenet. Wer ihn aus Filmen wie „Die Verlobung des Monsieur Hire“ von Patrice Leconte kennt, weiß, weshalb er zur ersten Garde französischer Charakterschauspieler zählt. In „Je vous trouve très beau“ muss er sich nicht so anstrengen, und dass die Welt der Landwirtschaft nicht die seine ist, merkt man an allen Ecken und Enden. Trotzdem ist es eine Freude zu sehen, wie er sich die Liebe seines rumänischen Fraueneinkaufs nach und nach erwirbt. In der einzig wirklich rattenschlechten Szene im Film zwingt ihn das Drehbuch zu einem derart blöden Liebesbekenntnis, dass ich mir vorkam wie in einer ZDF Pilcher-Verfilmung. Also zur Warnung: Diese Szene findet vor einer Telefonzelle statt, nach rund 57 Minuten. Da hilft nur eines: Flucht in die Küche, Packung neue Gummibärchen holen, zweite Flasche Bordeaux aufmachen, und dann geht´s auch schon weiter.
Fazit: Netter Film für einen netten Abend zu Zweit. Ich hab ihn alleine angeguckt, ist auch möglich.

„Je vous trouve très beau“ (Sie sind ein schöner Mann). Spielfilm von Isabelle Mergault. Mit Michel Blanc, Medeea Marinescu. 97 Minuten. Coproduktion von Gaumont, Film par Film, France 2 Cinema, Uni Etoile 3, Canal+ und Cinecinema. Auf DVD erhältlich.

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